Vorne ist es sicherer

:

In der Offensive gegen Tyrannei

Categories:

Angesichts der zunehmenden Repression und staatlichen Gewalt ist es nur verständlich, dass mensch sich sicher fühlen will, wenn mensch Konfrontationen vermeidet. Aber das ist nicht immer die beste Strategie.

»Auch wenn es kontraintuitiv ist, ist es in einer verwirrenden Situation oft am besten, wenn nicht sogar am sichersten, sich an vorderster Front aufzuhalten, damit mensch einen klaren Überblick über das Geschehen um sich herum bekommt.«

– ›What I Do for a Living‹, ein Bericht über die Demonstrationen gegen den EU-Gipfel 2003 in Thessaloniki, veröffentlicht in Rolling Thunder #1.


Der Großvater meines Freundes wuchs in den 1920er Jahren in Deutschland auf. Als Jude engagierte er sich in radikalen Organisationen und geriet manchmal in Handgreiflichkeiten mit Nazis. In einer Erinnerung, die er Jahrzehnte später für seine Familie aufzeichnete, beschreibt er die Situation, als die Nazis die Macht übernahmen:

»Im Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler. Ich dachte, jetzt würde eine Revolution beginnen, aber tatsächlich passierte nichts. Die Kommunisten liefen – oft massenhaft – zu den Nazis über, und die Sozialdemokraten hielten etwas länger durch, lösten aber schließlich ihre Organisationen auf.«

Im Mai 1933, als er zwanzig Jahre alt war, erfuhr er, dass er für eine angeblich gebroche Nase bei einem Nazi bei einer Straßenschlägerei strafrechtlich verfolgt werden sollte. Anstatt sich einem von den Nazis kontrollierten Justizsystem zu stellen, besorgte er sich sofort einen Reisepass und stieg noch am selben Abend um 20 Uhr in einen Zug nach Holland.

Einige Jahre später starben seine restlichen Familienmitglieder im Konzentrationslager Auschwitz.

Diese Geschichte zeigt auf den Punkt gebracht ein überraschend häufiges Phänomen. Hätte der Großvater meines Freundes sich nicht von Anfang an offen gegen die Nazis gestellt, hätte er sich zurückgehalten und Ärger vermieden, wäre er wahrscheinlich in Berlin geblieben und hätte das gleiche Schicksal wie seine Verwandten erlitten. Indem er in die Offensive ging, brachte er sich in Gefahr – aber paradoxerweise war das auf lange Sicht besser, als auf Nummer sicher zu gehen.

Ebenso gehörten die Teilnehmenden der jüdischen Untergrundguerilla zu den wenigen, die die Vernichtung des jüdischen Ghettos in Warschau durch die Nazis überlebten. Indem sie sich organisierten, um der Bedrohung durch die Nazis direkt entgegenzutreten, entwickelten sie ein starkes Selbstbewusstsein, das ihnen zugute kam, als der einzige Ausweg darin bestand, eine gewagte Flucht aus dem belagerten und brennenden Ghetto durch die Kanalisation zu organisieren.

Für Betroffene aus bedrohten gesellschaftlichen Gruppen ist der erste Impuls oft, sich zurückzuziehen und unterzutauchen. Doch wenn es um die individuelle und kollektive Selbsterhaltung geht, kann es klüger sein, von Anfang an entschlossen zu handeln, solange es noch möglich ist, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Selbst wenn das schiefgeht, kann es besser sein, den Konflikt sofort auf die Spitze zu treiben, bevor der Gegner noch mächtiger wird. Diese Strategie hat zumindest den Vorteil, dass mensch sich nicht in falscher Sicherheit wiegt, während die Bedrohung zunimmt.

Das klappt nicht immer, aber manchmal ist es sicherer, sich der Situation zu stellen.

»Es gibt keinen Grund, zusammengerollt und gekrümmt zu schlafen. Das ist unbequem, ungesund und schützt dich nicht vor Gefahren. Wenn du Angst vor einem Angriff hast, solltest du wach bleiben oder mit ausgestreckten Gliedmaßen leicht schlafen, damit du sofort handeln kannst.« Kunstwerk von Jenny Holzer.


Es war Mittag am 20. April 2001. Meine Freund*innen und ich hatten uns zusammen mit Hunderten anderen Anarchist*innen und Antikapitalist*innen an der Laval-Universität in Québec City versammelt, um gegen einen transkontinentalen Gipfel zu demonstrieren, bei dem eine ›Freihandelszone der Amerikas‹ gegründet werden sollte. Im Stadtzentrum, hinter kilometerlangen Schutzzäunen und Tausenden von Bereitschaftspolizisten, schmiedeten George W. Bush und seine Amtskollegen Pläne, um Arbeitsgesetze und Umweltschutzbestimmungen zu umgehen und ihre Klientel auf unsere Kosten zu bereichern.

Die Sonne schien. Immer mehr Leute kamen am Treffpunkt an. Eine Gruppe hatte sogar ein Katapult dabei. Von der Polizei war nichts zu sehen.

Trotzdem war ich nervös. Die meisten meiner Erfahrungen mit Gewalt waren subkultureller Natur – Kämpfe mit Skinheads, Hardcore-Konzerte. Ich hatte es noch nie mit einer Armee von Polizist*innen zu tun gehabt. Bei einem Treffen am Vorabend hatte uns eine lokale Organisatorin gesagt, dass es unmöglich sein würde, den Zaun um den Gipfel zu erreichen – es gab einfach zu viele Polizist*innen mit zu viel Schutzausrüstung und Waffen.

Als die Menge begann, sich aus der Universität auf die Straße zu begeben, beriet ich mich mit einem erfahreneren Freund. »Sollen wir uns zurückhalten und abwarten, was passiert?«, fragte ich.

»Wenn wir sehen wollen, was passiert, müssen wir ganz vorne sein« antwortete er sachlich.

Wir führten eine Demonstration direkt auf den Zaun durch, der den Gipfel umgab, und rissen ihn nieder. Die Polizei konnte uns nicht aufhalten. Die ›Freihandelszone der Amerikas‹ wurde nie ratifiziert.

Anarchist*innen führen eine Demonstration beim sogenannten „Gipfeltreffen der Amerikas“ in Québec City, April 2001 durch.


Der Rat meines Freundes hat mir vier Jahre später, an dem Tag, als George W. Bush seine zweite Amtszeit begann, sehr geholfen. Nach der Demonstration gegen die Amtseinführungsfeierlichkeiten am Tag, zog nachts eine zweite Demonstration durch das Viertel Adams Morgan, zerstörte die Fenster von Banken und Unternehmen und griff eine Polizeistation an. Einige Teilnehmende hängten ein riesiges Transparent mit der Aufschrift »Von DC bis zum Irak – mit der Besatzung kommt der Widerstand« an eine Gebäudefassade. Wir wollten die Bush-Regierung dazu zwingen, die Besetzung des Irak zu beenden, die unzählige zivile Opfer forderte und später zum katastrophalen Aufstieg des Islamischen Staates beitrug.

Als sich die Demonstration auflöste, befanden sich ein Gefährte und ich unter einer Gruppe von Menschen, die durch eine Gasse gingen. Vor uns tauchten Polizeibeamte am Ende der Gasse auf.

Wir hätten umdrehen und in die andere Richtung rennen können. Aber dann wären wir am Ende der Menschenmenge gewesen und hätten nicht sehen können, wohin wir rannten. »Renn, renn vorwärts«, sagte ich zu meinem Begleiter. Wir rannten bereits.

Wir sprinteten an den Polizist*innen vorbei, gerade als sie ihre Reihe am Ausgang der Gasse schlossen. »Lasst keine weiteren raus«, hörte ich einen zu einem anderen brüllen.

Wir waren die Letzten, die abhauen konnten. Die Polizei hatte auch die Gasse von der anderen Seite abgesperrt. Sie zwangen die Leute hinter uns, stundenlang im Schnee zu knien. Jahre später bekamen die Festgenommenen eine Entschädigung von der Stadt, aber es war besser, einfach zu verschwinden.

Washington, DC, 20. Januar, 2005.


Am 25. August 2008 versammelten sich in Denver während der Demos gegen den Parteitag der Demokraten ein paar hundert Leute zu einer Demonstration, die angekündigt, aber nie organisiert worden war. Wir protestierten immer noch gegen die andauernde Besetzung des Irak und gegen den Kapitalismus im Allgemeinen.

Gepanzerte Polizist*innen standen in Gruppen von jeweils einem Dutzend rund um den Park und die umliegenden Straßen und waren den jungen Leuten, die mit schwarzen Sweatshirts auf dem Schoß herumsaßen, zahlenmäßig überlegen. Ein Fahrzeug sollte Banner liefern, aber es kam das Gerücht auf, dass die Polizei den Fahrer festgenommen hatte. Doch gerade als es sicher schien, dass nichts passieren würde, zogen ein paar junge Leute ihre Kapuzen hoch und fingen an zu skandieren.

Wer sind diese Leute? Ich erinnere mich, dass ich mich das gefragt habe. Was denken sie sich dabei, sich zu vermummen und sich mit Hunderten von Bereitschaftspolizist*innen, die sie umzingeln, und Zivilpolizist*innen überall zu messen? Was hoffen sie damit zu erreichen?

Trotzdem schlossen sich die anderen Leute, die sich für die Demonstration versammelt hatten, ihnen an und sie begannen, aus dem Park zu laufen. Sie schafften es nur bis zur Straße, wo die nächste Polizeieinheit eine Kette bildete, ihnen den Weg versperrte und sie mit Pfefferspray besprühte. Es hatte noch keine Demonstration gegeben, ich hatte keinen Auflösungsbefehl gehört, und schon setzte die Polizei chemische Waffen ein.

Eine Freundin und ich beobachteten das alles mit Bestürzung. Wir waren noch etwa zweihundert Leute, aber die Polizei rückte von allen Seiten näher und die Menge war desorientiert und unkoordiniert. Das war ein Rezept für eine drohende Katastrophe.

Wir waren ganz hinten in der Menge. Aber hinten kann auch vorne werden – es ist nur eine Frage der Initiative. Meine Freundin fing an, einen Countdown zu rufen. Andere machten instinktiv mit. Das gemeinsame Zählen konzentrierte unsere Aufmerksamkeit, unsere Erwartungen, unser Selbstverständnis als kollektive Kraft, die zu konzertiertem Handeln fähig ist. Und dann sprinteten dreißig von uns über den Rasen weg von der Polizeikette.

Als die anderen das sahen, schlossen sie sich uns an. Innerhalb weniger Sekunden rannten Hunderte von Menschen durch den Park zu der Kreuzung am anderen Ende der Wiese, wo sich noch keine Polizei versammelt hatte.

Jetzt war die Energie in der Luft elektrisierend, ganz anders als die Unruhe und Unsicherheit kurz zuvor. Wir überquerten die Kreuzung, an der ein paar unternehmungslustige junge Leute ein Schild der Stadtverwaltung mit der Aufschrift »Straße gesperrt« aufgestellt hatten – und plötzlich näherten wir uns dem Geschäftsviertel.

Das gleiche Prinzip half uns später am Abend, als wir eine Reihe von Bereitschaftspolizisten sahen, die sich einen Block vor uns über eine Kreuzung verteilten. Ohne zu zögern, rannten wir auf sie zu. Wir erreichten die Polizeikette und schlüpften zwischen ihnen hindurch, bevor sie uns den Weg versperren konnten. Sie hatten den Befehl, eine Barriere zu bilden, nicht uns zu verfolgen. Wir waren in Sicherheit.

Denver, 25. August, 2008.


Am Morgen des 20. Januar 2017 schlossen sich ein anderer Freund und ich der Demonstration in der Innenstadt von Washington, DC, gegen die Amtseinführung von Donald Trump an. In den Jahrzehnten seit Bushs zweiter Amtseinführung war die Polizei im ganzen Land militarisiert worden und hatte immer größere Budgets erhalten, obwohl Politiker*innen behaupteten, es sei kein Geld für andere Dinge verfügbar. Diesmal waren die Straßen mit 28.000 Polizeibeamt*innen überfüllt.

Sobald die Demonstration losging, kam es zu offenen Konflikten mit der Polizei. Das Heulen der Polizeisirenen, die ohrenbetäubenden Explosionen von Blendgranaten aus nächster Nähe, der beißende Geruch von Pfefferspray, das Dröhnen der Polizeimotorräder, das Kribbeln des Adrenalins – es war eine furchterregende Situation, aber die Demonstrant*innen um uns herum teilten ebenso aus, wie sie einsteckten. Die Idee war, am ersten Tag der Trump-Regierung ein Zeichen des Widerstands zu setzen und allen klar zu machen, dass niemand die Verschärfung der Tyrannei einfach so hinnehmen sollte.

Je länger wir auf den Straßen waren, desto gefährlicher wurde es. Als wir wieder am Franklin Square vorbeikamen und unsere Spuren zurückverfolgten, war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir umzingelt sein würden.

In der Innenstadt von Washington, D.C., zwischen den Kreuzungen, sind die Straßen wie lange Schluchten zwischen den Felswänden der Gebäude. Ich wusste, dass die Polizei uns einkesseln und festhalten wollte. Jedes Mal, wenn wir eine Kreuzung passierten, warf ich einen Blick auf die Kreuzungen einen Block entfernt auf beiden Seiten, um zu sehen, ob die Polizei uns auf den parallelen Straßen beschattete und sich darauf vorbereitete, unsere Fluchtwege abzuschneiden. Jedes Mal, wenn wir eine Kreuzung verließen und in einen anderen Canyonabschnitt kamen, beobachtete ich die Kreuzungen vor und hinter uns auf der Suche nach Polizei. Immer wenn wir uns zwischen Kreuzungen bewegten, waren wir verwundbar.

Als wir uns der 13th Street näherten, überholten uns Polizist*innen auf Motorrädern auf dem Gehweg zu unserer Linken und versuchten, uns einzuholen und die Kreuzung vor uns zu besetzen. Wir waren noch Hunderte von Metern davon entfernt. Ich drängte meinen Begleiter, mit mir vorauszulaufen, und wir sprinteten an der Spitze der Demonstration vorbei, an den Fahrradpolizist*innen und Motorradpolizist*innen, die begannen, ihre Fahrzeuge in die Menschen unmittelbar hinter uns zu rammen. Als die Polizist*innen sahen, dass einige von uns bereits hinter ihnen waren, gaben sie den Versuch auf, eine Kette zu bilden, und konzentrierten sich wieder darauf, uns zu überholen. Die Polizei hasst es, flankiert zu werden – sie kann es nicht riskieren, selbst umzingelt zu werden.

Der Zusammenstoß an der Kreuzung zeigte, dass die Demonstration die Kontrolle über das Gebiet um sie herum verloren hatte. Es war Zeit, uns aus dem Staub zu machen. Kurz vor der nächsten Kreuzung rannten wir eine Gasse zu unserer Rechten hinunter. Hundert andere taten es uns gleich. Diejenigen, die weitergingen, wurden an der nächsten Kreuzung von einer Polizeikette aufgehalten und drehten sich um, nur um festzustellen, dass eine viel stärkere Polizeikette sie von hinten blockierte.

Zwei lange Minuten lang stand die Menge verwirrt und bestürzt da. Einige Leute am Ende der Demonstration hatten schon ihre Ausrüstung abgelegt und hofften, als Zivilisten durchzukommen, um aus dem Gebiet zu entkommen, ohne zu merken, dass sie schon von allen Seiten eingekesselt waren.

Die Teilnehmenden an der Spitze der Demonstration behielten ihre Ausrüstung an und verbanden ihre Arme miteinander. Jemand rief: »Wir machen einen Countdown!« Sie zählten schnell von zehn bis eins herunter und stürmten direkt auf die Polizeikette vor ihnen zu. Die Person ganz vorne hielt einen dünnen Regenschirm hoch, während alle blindlings vorwärts rannten. Irgendwie schützte der Regenschirm sie vor dem Pfefferspray, mit dem die Polizei reagierte.

Fünfzig von ihnen durchbrachen die Polizeikette und konnten entkommen. Diejenigen, die zögerten und abwarteten, ob der Angriff erfolgreich sein würde, bevor sie sich anschlossen, blieben im Kessel gefangen.

Jemand postete später einen humorvollen Kommentar in den sozialen Medien, dass der Cheat-Code für den J20-Protest-Simulator darin bestehe, immer mit einem Hammer auf die Polizist*innen loszustürmen. Aber da war etwas dran. Als wir uns später die Polizeivideos ansahen, die den Angeklagten im anschließenden Gerichtsverfahren gezeigt wurden, sahen wir, dass selbst nachdem die Polizei und die Nationalgarde ihre Kette verstärkt hatten, ein findiger Einzelner entkommen war, indem er einfach so schnell wie möglich direkt auf sie zugerannt war und sich zwischen zwei von ihnen duckte.

Jede*r, der*die festgenommen wurde, wurde wegen des Verbrechens, in der Nähe einer lautstarken Demonstration massenhaft verhaftet worden zu sein, mit acht Straftaten angeklagt – bis zu achtzig Jahren Gefängnis. Einige wenige gingen einen Vergleich ein, aber alle anderen hielten zusammen, stellten einen gemeinsamen Verteidigungsplan auf und stellten sich dem Rechtssystem frontal entgegen. Am Ende, nach zwei Prozessen, in denen alle Angeklagten für nicht schuldig erklärt wurden, wurden die Anklagen gegen alle verbleibenden Angeklagten fallen gelassen. Jahre später erhielten alle von ihnen Zahlungen vom Staat, um die daraus resultierenden Rechtsstreitigkeiten beizulegen.

Das klingt wie eine Metapher, aber ich meine es sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne. Ob es sich um eine Demonstration oder einen Gerichtsprozess handelt, manchmal ist es sicherer, ganz vorne in der ersten Reihe zu stehen.

Washington, DC, 20. Januar, 2017.


Ein paar Jahre später war ich in Atlanta bei der Block Cop City-Aktion. Die Demonstrant*innen wollten den Bau einer millionenschweren Anlage verhindern, die die Polizei noch mehr aufrüsten sollte. Als Reaktion darauf hat die Polizei eine Person umgebracht und viele Leute einfach so verhaftet, sie wegen Terrorismus angeklagt und 61 von ihnen als erfundene ›kriminelle Vereinigung‹ angeklagt.

Vor der eigentlichen Aktion gab es zwei Tage lang Beratungen in einem örtlichen Gemeindezentrum der Quäker*innen. Alle waren nervös. Das Ziel war, in den Wald zu laufen und die Baustelle zu besetzen. Würden wir alle verhaftet werden? Würden auch wir wegen Terrorismus und organisierter Kriminalität angeklagt werden? Die Diskussionen drehten sich im Kreis, während die Leute vergeblich versuchten, vorherzusagen, was passieren würde, und über ihre eigene Risikobereitschaft verhandelten.

Es wurde beschlossen, dass es innerhalb der Demonstration drei selbstorganisierte Blöcke geben sollte: im Wesentlichen den vorderen, den mittleren und den hinteren. Offiziell basierte diese Unterscheidung nicht auf dem erwarteten Risiko, da die Organisator*innen keine Versprechungen darüber machen konnten, wie die Polizei reagieren würde. Aber keine*r konnte sich entscheiden, welchem Block er sich anschließen sollte, ohne sich mit größeren Fragen auseinanderzusetzen. Wie sehr fürchte ich die Gewalt der Polizei und des Justizsystems? Was bin ich bereit, für diese Bewegung zu opfern?

Nur die wenigen Mutigen, die sich mit ihren Ängsten abgefunden hatten und sich entschlossen hatten, an der Spitze der Demonstration mitzulaufen, schienen gelassen zu sein. Selbst innerhalb des ›mittleren‹ Blocks gab es viele Querelen und Verhandlungen. »Ich werde in der Mitte sein, aber nicht ganz vorne in der Mitte …«

An diesem Abend erklärte ich meiner Familie, was zu tun sei, falls ich nicht von der Demonstration nach Hause kommen sollte. Meine beiden Partnerinnen fragten mich unabhängig voneinander, ob es mir wirklich so wichtig sei, an dieser bestimmten Demonstration teilzunehmen. Könnte ich das nicht einfach den jüngeren Aktivist*innen überlassen?

Vorne ist es sicherer. Ich erinnerte mich an diesen Spruch aus früheren Mobilisierungen – aber als ich darüber nachdachte, war ich mir nicht mehr so sicher. Wie konnte es sicherer sein, direkt in die Polizeiketten zu stürmen? Der Slogan fasste die Lehren aus meiner eigenen Erfahrung zusammen, aber angesichts einer weiteren gefährlichen Situation war ich skeptisch.

Am Morgen der Mobilisierung versammelten wir uns im Park. Trotz einiger festlicher Akzente war die Stimmung gedrückt: Ein paar hundert Menschen riskierten Verletzungen, Verhaftungen und Gefängnisstrafen für die Anerkennung einer umkämpften Bewegung. Viele hatten sich in letzter Minute entschieden, zu Hause zu bleiben. Wir führten eine Demonstration in einer Kolonne aus dem Park durch, wobei jede*r eifrig an seiner*ihrer jeweiligen Position im Risikotoleranzspektrum festhielt. Solange wir den schmalen Fußgängerweg entlang auf Demonstration laufen, machte das Sinn, aber als wir auf die Hauptstraße kamen und auf die Baustelle zusteuerten, machte es weniger Sinn. Wir hätten uns auffächern sollen, um eine breite Front zu bilden, als wir uns den Reihen von Polizist*innen und gepanzerten Fahrzeugen näherten, die die Straße blockierten, aber nein, die Menge streckte sich zu einer fast einreihigen Linie, wie Lämmer, die sich zur Schlachtung anstellen.

Trotzdem nahmen die Leute vorne Fahrt auf, bildeten mit ihren verstärkten Transparenten einen V-förmigen Keil und richteten ihre Regenschirme nach vorne, um den Polizisten die Sicht zu versperren, während sie direkt auf die Schilde der Vorhut zustürmten. Der Rest von uns schleppte sich hinterher und hielt die Positionen, zu denen wir uns verpflichtet hatten – nicht weniger und nicht mehr.

Menschen versammeln sich zum Beginn der Block Cop City-Demonstration, 13. November 2023.

Die Leute mit den verstärkten Transparenten drängten die erste Reihe der Polizist*innen zurück, bis sie durch eine zweite Reihe verstärkt wurde. Selbst dann gaben sie nicht nach, sondern drängten weiter gegen die Polizei vor. Die Polizist*innen schlugen mit ihren Schlagstöcken zu, verloren aber weiter an Boden. Der Block an der Spitze der Demonstration hielt zusammen, schützte sich gegenseitig und handelte überlegt. Vielleicht hatten sie Angst, aber es war nicht die Angst, die ihr Handeln bestimmte.

Als ich hinter ihnen stand und zusah, hatte ich Angst. Ich war froh, dass ich nicht vorne stand und Entscheidungen treffen musste. Polizeiknüppel sind beängstigend, Gefängnisstrafen sind beängstigend, Strafanzeigen sind beängstigend, aber das wirklich Beängstigende ist Verantwortung. Menschen nehmen viele negative Konsequenzen in ihrem Leben in Kauf, nur um Verantwortung zu vermeiden. Und leider ist das unmöglich: So sehr wir uns auch bemühen, wir können nicht umhin, dass wir, solange wir Entscheidungen treffen und handeln können, für uns selbst verantwortlich sind. Das gilt unabhängig davon, ob mensch sich an der Spitze oder am Ende positioniert oder gar nicht erst erscheint.

Ich sah, wie die Demonstrant*innen vor mir beide Polizeiketten zurückdrängten, bis sie eine dritte Kette erreichten, die aus futuristisch anmutenden Sturmtruppen bestand. Unter ihrer militärischen Ausrüstung war nichts Menschliches an den Sturmtruppen zu erkennen, nicht einmal ihre Augen waren zu sehen. Sie hatten sich vollständig aus der menschlichen Gemeinschaft zurückgezogen.

Die Sturmtruppen zogen Tränengasgranaten hervor. Ungläubig sah ich zu, wie sie die Granaten eine nach der anderen über die Köpfe derjenigen an der Spitze hinweg in die Mitte der Demonstration warfen – mitten unter uns, die wir gehofft hatten, dass andere für uns Risiken eingehen würden, die wir einfach nur ein Anhängsel der Handlungsfähigkeit anderer sein wollten. Vielleicht wäre es an der Spitze doch sicherer gewesen?

Dann verschwand alles in einem giftigen weißen Nebel.

Wir taumelten blind und verwirrt zurück, würgten und husteten. Aber die Sturmtruppen hatten auch den Rest der Polizist*innen mit Tränengas angegriffen, und die anderen Polizist*innen trugen keine Gasmasken. Auch sie hatten sich zurückgezogen. Entgegen aller Erwartungen endete die Schlacht unentschieden.

Am Ende war die einzige Person, die an diesem Tag verhaftet wurde, jemand, der sich dafür entschieden hatte, weit entfernt vom Ort des Geschehens eine unterstützende Rolle zu spielen. Sie wurden in einem Fahrzeug in der Nähe des Parks festgenommen, von dem aus wir gestartet waren. Niemand wurde wegen Terrorismus oder organisierter Kriminalität angeklagt.

In all unserer Angst hatten wir das größte Risiko von allen vergessen: dass wir vielleicht nichts tun würden, dass wir uns einschüchtern lassen und die Straßen verlassen würden. Da so viele Menschen bereits mit absurden Anklagen konfrontiert waren, war die Demonstration zur Baustelle ein riskantes Unterfangen – aber wenn wir dem Staat erlaubt hätten, die Bewegung zu zerschlagen, hätte dies einen Präzedenzfall geschaffen, der andere Bewegungen bedroht und die Behörden ermutigt hätte, dieselben Taktiken auch anderswo gegen viele andere wie uns anzuwenden.

Manchmal kann mensch die Risiken nur herausfinden, indem mensch ein Risiko eingeht. Dieses Mal hatten wir Glück gehabt. Aber in gewisser Weise hatten wir auch eine Prüfung bestanden.


Anarchist*innen bei der Maikundgebung in Bandung, 2019. Foto: Frans Ari Prasetyo.

Vorne ist es nicht wirklich sicherer. Zu Hause zu bleiben ist sicherer – zumindest solange, bis die langfristigen Folgen des Rückzugs von den Straßen spürbar werden. Dann ist es nirgendwo mehr sicher, und es stellt sich heraus, dass es besser gewesen wäre, früher kleinere Risiken einzugehen.

Die Antifaschist*innen, die im August 2017 nach Charlottesville fuhren, um gegen die ›Unite the Right‹-Kundgebung zu protestieren, haben sich selbst in Gefahr gebracht. Eine von ihnen wurde getötet, mehrere wurden schwer verletzt. Aber wenn sie zu Hause geblieben wären, wenn sie den Faschisten erlaubt hätten, die Kontrolle über die Straßen zu übernehmen, wäre die ganze Welt gefährlicher geworden. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute gezwungen sein könnten, denselben Kampf noch einmal zu führen, ändert nichts an der Tatsache, dass sie uns acht kostbare Jahre relativer Sicherheit verschafft haben.

Selbst wenn alles wirklich hoffnungslos verloren ist, ist es meistens besser, mutig zu handeln und ein Signal der Hoffnung über die Generationen hinweg zu senden, so wie es die Kommunard*innen und die Kronstädter Rebell*innen gemacht haben. Damit hältst du zumindest die Möglichkeit offen, dass andere inspiriert werden, weiter an der Welt zu arbeiten, die du dir wünschst, sodass dein Traum eines Tages vielleicht wahr wird – auch wenn du nicht mehr da bist und das zumindest teilweise dank deiner Bemühungen.

Aber so sieht es heute nicht aus. Wir stehen mächtigen Gegnern gegenüber, aber die Mehrheit der Menschen, darunter viele ihrer Unterstützer*innen, hat gute Gründe, sich gemeinsam mit uns gegen sie zu stellen. Wenn wir die Menschen zusammenbringen, wenn wir wirksame Wege zum Widerstand aufzeigen und unsere eigene Risikobereitschaft in den Dienst größerer Kämpfe stellen, werden sich uns letztendlich viel mehr Menschen anschließen. Es gibt keinen Grund, voreilig das Märtyrertum zu verherrlichen oder eine Niederlage zu akzeptieren, wenn die Zukunft noch ungeschrieben ist.

Selbstredend kann nicht jede*r immer an vorderster Front stehen. Das kann anstrengend sein. Aber die Front ist kein räumlicher Ort. Richtig verstanden erfordert sie nicht unbedingt bestimmte körperliche Fähigkeiten oder Fertigkeiten. Sie ist eine Art, sich mit Ereignissen auseinanderzusetzen, sich auf unsere Handlungsfähigkeit zu konzentrieren und die Initiative zu ergreifen, wo immer wir können, anstatt nur auf die Initiativen unserer Gegner zu reagieren. Jede*r kann eine neue Front im Kampf eröffnen, indem er*sie eine Schwachstelle in der herrschenden Ordnung identifiziert und in die Offensive geht. Je mehr Fronten es gibt, desto sicherer sind wir alle.

Angesichts der zweiten Amtszeit von Donald Trump wissen viele Anarchist*innen und Antifaschist*innen nicht, wo sie anfangen sollen. Während der vorherigen Trump-Regierung haben wir hart gegen einen Gegner gekämpft, der viel mächtiger war als wir, und gewonnen – nur um dann zu sehen, wie uns der Sieg von feigen Demokraten aus den Händen gerissen wurde, die eifrig dort weitermachten, wo die Republikaner aufgehört hatten, und so viele Menschen enttäuschten, dass Trump wieder an die Macht kommen konnte. Aber das ist kein Grund, diesmal aufzugeben – es zeigt nur, dass wir die ganze Zeit über Recht hatten mit unserer Einschätzung der Natur der Herrschaft, und wir sind es der Welt schuldig, eine echte Alternative aufzuzeigen.

In Ländern, die von Faschismus oder anderen Formen der Despotie regiert werden, unterstützt die Mehrheit der Menschen nicht unbedingt die Behörden; sie sind einfach mutlos geworden und haben sich an Passivität gewöhnt. Viel mehr als Liberale sind Anarchist*innen daran gewöhnt, in der Unterzahl und unterlegen zu sein und gegen unglaubliche Widrigkeiten zu kämpfen. Während Demokrat*innen Entschuldigungen für die Faschist*innen suchen oder sogar deren Agenda begrüßen, sollten wir zeigen, dass es möglich ist, ehrgeizige, prinzipientreue Maßnahmen zu ergreifen, um Widerstand zu leisten.

Wenn du Verzweiflung empfindest, wenn du dich besiegt fühlst, wenn du dich dabei ertappst, dich zu distanzieren oder dich darauf zu konzentrieren, was unsere Unterdrücker tun, anstatt darauf, was du selbst tun kannst – dann ist das ein Gebiet, das der Feind in dir erobert hat.

Gib ihnen nichts kampflos auf. Konzentriere dich auf deine Handlungsfähigkeit. Jede Stunde, jeden Tag, wo auch immer du bist, gibt es immer etwas, das du tun kannst. Pass auf dich und deine Mitmenschen auf. Halte Ausschau nach Chancen und nutze sie. Wir befinden uns in einem Kampf – aber es ist ein Kampf, den wir gewinnen können. An vorderster Front ist es sicherer.

The umbrella charge on January 20, 2017.


Weiterlesen


Übersetzung aus dem Buch USA – Dystopie und Disruption